Jung, männlich, schwarz

«Mister L», wie er sich gerne selber nennt, stellt im Frühjahr 2009 ein Asylgesuch in der Schweiz. Sein Verfahren bis zum Entscheid dauert geschlagene drei Jahre, im März 2012 wird sein Asylgesuch abgelehnt. Er erhebt gegen den Entscheid Beschwerde, die aber chancenlos ist und ebenfalls abgelehnt wird. L. lebt fortan als abgewiesener Asylsuchender in der Schweiz, der das Land verlassen muss. Er kann dies freiwillig tun oder er wird ausgeschafft.

L. will die Schweiz nicht verlassen. Die Schweizer Behörden haben seine Asylgründe zwar für unglaubhaft erklärt und sein Asylgesuch deshalb abgelehnt. Aber er selber sagt:«It’s the truth, what else can I say? Just because they don’t believe me doesn’t mean it’s not true. And the ones who will likely kill me, when I return to my country, they don’t care about. They just kill me.» L. hat Angst vor einer Rückkehr und willigt nicht in eine freiwillige Rückkehr ein. Weil L. aus einem Staat geflüchtet ist, der keine Personen zurücknimmt, die unter Zwang ausgeschafft wurden, ist die Situation blockiert. L. lebt fortan in der Nothilfe. Er kann nicht zurück in sein Herkunftsland, kann nicht ausgeschafft werden, kann hier nicht arbeiten und hat keine absehbare oder realistische Chance auf eine Regularisierung seines Aufenthaltes in der Schweiz. Im Dezember 2016 hat der Verfasser dieses Textes das letzte mal mit «Mister L» gesprochen, seitdem hat er nichts mehr von ihm gehört. Wahrscheinlich ist er nach viereinhalb Jahren Nothilfe und siebeneinhalb Jahren in der Schweiz ohne Perspektive abgetaucht und nach Frankreich oder Spanien gezogen – in der Hoffnung auf ein besseres Leben.


Kommentar

Jung, männlich, schwarz = Wirtschafstflüchtling, Schmarotzer, «Chügelidealer» und «Partyasylant». L. ist der exemplarische Archetyp dieser Gruppe Geflüchteter, denen man in der Schweiz mit maximaler Härte in jedem Bereich begegnet. L.s Geschichte war für das SEM von Beginn an «unglaubwürdig», er hatte de facto nie eine Chance auf Asyl. Er sah sich stets mit (offenem) Rassismus konfrontiert, der sich in einem diffusen Zweifel, einer Art «ja aber so einer sicher nicht»-Haltung äusserte. Dieser Haltung begegnete er beim SEM, bei den kantonalen Migrationsbehörden, bei der Polizei, beim Sozialdienst, mitunter gar bei seiner Rechtsberatung und jeden Tag aufs Neue in seinem unmittelbaren Umfeld. Dass sein Asylentscheid so lange auf sich warten liess, ist erstaunlich – in der Regel erledigt das SEM solch «aussichtslose» Fälle prioritär. Vor seinem Asylentscheid lebte er drei Jahre in einem Durchgangszentrum (DZ) (umgangssprachlich auch «Asylheim»). Er teilte sich ein Zimmer mit fünf anderen Personen und hatte quasi nie Privatsphäre. Pro Tag erhielt er CHF 8.50 Asylsozialhilfe plus allenfalls zusätzliche CHF 3.-/Tag, wenn er eines der Ätmli im DZ übernahm. Im Gegensatz zu Familien, die nach einer gewissen Zeit zur Unterbringung in einer Wohnung Priorität geniessen, war dies bei ihm nie ein Thema. Trotz dieser Existenz in der Schwebe, die von Armut und ständigem Warten geprägt war, hegte er Hoffnung. Diese wurde durch seinen negativen Asylentscheid und seine abgelehnte Beschwerde zerschlagen und durch das System der «verordneten Perspektivenlosigkeit» ersetzt: das Nothilferegime. Während der nächsten Jahre lebte L. in einer unterirdischen Zivilschutzanlage. Er erhielt kein Geldauszahlungen mehr, sondern lediglich noch MIGROS-Gutscheine im Wert von CHF 60.- pro Woche. Von seinen viereinhalb Jahren in der Nothilfe verbrachte er insgesamt 11 Monate in Administrativhaft. Nach sieben Jahren Aufenthalt in der Schweiz stellte er ein Härtefallgesuch, das ohne Begründung abgelehnt wurde. Ein halbes Jahr später verschwand L.


 

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